Interview Nehemia Turban

Vom Projektleiter für Booking & Events bei der Startbahn Berlin erfahren wir, warum es sich lohnt, über traditionelle Grenzen hinauszuschauen und Business-Events auch in einer Kirche zu organisieren.

Wie kam es dazu, die Genezarethkirche für nicht-religiöse Veranstaltungen zu öffnen?

Die Genezarethkirche war früher eine wenig belebte evangelische Kirche mit einer eingeschlafenen Gemeinde. Der evangelische Kirchenkreis Neukölln suchte einen Ort, um neue Konzepte für Kirchen auszuprobieren, sogenannte „dritte Orte“, die eine Mischung aus Kulturzentrum und Kirche darstellen. Das Ziel war, die Kirche wieder mit Leben zu füllen und neue Finanzierungsmodelle zu erproben.  

Heute gibt es in der Genezarethkirche Gottesdienste, spirituelle Workshops und diverse Veranstaltungen. Der Ort dient als Experimentierfeld, um herauszufinden, wie eine Kirche auch als Veranstaltungsort genutzt werden kann und welche Kosten und Aufwände damit verbunden sind.

Die Kirche ist jetzt ein lebendiger Ort mit vielfältigen Angeboten: Von Krabbelzeit und Nachbarschaftsarbeit am Vormittag, über Chorproben und Workshops am Nachmittag bis hin zu Konzerten, Hochzeiten, Dinnerpartys und Kongressen am Abend, ist alles möglich. Das Konzept hat sich als erfolgreich erwiesen und zieht Besucher aus ganz Europa an, die sich inspirieren lassen wollen.

Ich bin ursprünglich als Interieur-Designer zu diesem Projekt gekommen und habe das Design für die Kirche entwickelt. Jetzt arbeite ich an einem ähnlichen Projekt für eine andere Kirche am Stadtrand von Berlin. Dabei geht es darum, das Gemeindehaus modern, freundlich und praktisch zu gestalten, um mehr Menschen anzulocken, ohne dass diese zwangsläufig der Kirche beitreten müssen.

 

Du bist ursprünglich Interieur Designer, wie bist Du zu deiner derzeitigen Rolle gekommen?

Ich bin durch Zufall zu dem Projekt gekommen. Als Designer habe ich die zuständige Pfarrerin kennengelernt, die mir die Möglichkeit bot, das Interieur- und Lichtkonzept zu entwickeln. Wir haben ein flexibles und modulares Konzept erstellt, das den Raum schnell transformierbar macht, z.B. für Kongresse, Kindergruppen oder Hochzeiten.

Nach Abschluss des Projekts suchte die Kirche jemanden für das kommerzielle Vermietungsgeschäft. Da ich zuvor zwölf Jahre als Aufnahmeleiter und Produktionsleiter im Fernsehen und Film gearbeitet habe und gut vernetzt bin, passte die Rolle perfekt. Obwohl ich seit meiner Jugend keinen Bezug zur Kirche hatte, fand ich das Projekt spannend und wollte mich engagieren.

Jetzt unterstütze ich die Kirche nicht nur im Bereich Vermietung, sondern auch beratend bei ästhetischen Entscheidungen. Wir entwickeln die Location ständig weiter, arbeiten mit Künstlerteams zusammen und optimieren die Technik. Dabei baue ich ein Team von Eventmanagern und Social Media Managern auf, um die steigende Aufmerksamkeit und Arbeit zu bewältigen.

Unser einziges Ziel ist es, den Ort lebendig zu gestalten und als Experimentierfeld zu nutzen, von dem die Kirche lernen kann. Ansonsten gibt es eigentlich kein klar definiertes Ziel, sondern wir probieren verschiedene Dinge aus und entwickeln uns ständig weiter.

 

Wie nehmen nicht-religiöse Menschen den Ort wahr? Gelingt es euch, einen offenen Zugang zu schaffen?

Der Ort hier ist sehr offen für alle Herkünfte und religiösen Zugehörigkeiten sowie Geschlechter und Sexualitäten. Das wurde von unserem Führungsteam von Anfang an so beschlossen, und das beeindruckt mich sehr. Ich selbst komme aus einer streng christlichen Familie, aber hier habe ich eine neue Offenheit gelernt. Unsere evangelische Kirche hat Pfarrer und Pfarrerinnen, die in Beziehungen leben und verheiratet sind.

Wir haben auch ein interkulturelles Zentrum, das sich um die Beziehungen zu anderen Religionen und kulturellen Identitäten kümmert. Es gibt christliche Veranstaltungen, bei denen auch Rabbiner sowie weitere religiöse Vertretende anwesend sind, um den interreligiösen Dialog zu fördern. Dieser offene Ansatz hat mich von Anfang an überzeugt, da ich der Meinung bin, dass alle Religionen friedlich und nebeneinander existieren sollten.

Wir starten viele kleine Projekte, wie Urban Gardening und Kindergruppen, die Menschen zusammenbringen und Vernetzungen fördern. Hier entstehen Freundschaften und Gemeinschaft, was meiner Meinung nach auch im Glauben verankert ist. Dieser soziale Austausch ist viel stärker als früher, als es nur Gottesdienste gab und die Kirche überwiegend Kirchenmitgliedern zur Verfügung stand.

Im Vermietungsgeschäft merke ich jedoch, dass einige Unternehmen ablehnen, weil sie ihre Veranstaltungen nicht in einer Kirche abhalten wollen. Das zeigt, dass viele Menschen eigene Vorstellungen oder Vorbehalte gegenüber kirchlichen Räumen haben – oft ohne zu wissen, wie offen und vielseitig diese Orte inzwischen sein können. Wenn sie sehen könnten, wie offen und vielseitig unsere Kirche ist, würden sich viele Vorurteile auflösen.

Es gibt Berührungsängste, aber auch überwiegend viele positive Reaktionen. Menschen sind oft begeistert, wenn sie sehen, dass in unserer Kirche Veranstaltungen wie Partys oder Meditationen stattfinden. Das zeigt, dass unser Ansatz funktioniert und ein positives Beispiel dafür ist, wie eine Kirche anders sein kann.

 

Wie sieht es mit MICE-Events in der Genezarethkirche aus?

Dieser Ort ist hervorragend geeignet für Kongresse. Wir haben drei farblich unterteilte Emporen, einen Nebenraum und eine schöne Umgebung nahe dem Tempelhofer Feld. In meiner Idealvorstellung hätten wir hier drei bis vier Kongresse pro Monat.

Im Gegensatz zu den üblichen Kongresszentren, bieten wir eine spannende und ansprechende Atmosphäre. Besonders moderne Unternehmen und Start-Ups suchen nach etwas Besonderem, und unsere Location bietet genau das.

Kirchen sind unter der Woche tagsüber meist leer und werden überwiegend am Abend und an Sonntagen genutzt – perfekt für Kongresse. Man braucht nur Stühle, Beamer und Catering. Der besondere Ort hinterlässt einen bleibenden Eindruck, und die Akustik ermöglicht Highlights wie schöne Musik. Wir können sogar in eine Dinnerparty übergehen, unterstützt vom gegenüberliegenden Restaurant TERZ.

Was ist alles so möglich in der Genezarethkirche?

In der Genezarethkirche ist vieles möglich. Wir haben eine große Vielfalt an Veranstaltungen, darunter Raves, Dinnerpartys, Filmsets, Yogastunden, Kunst Performances, Ausstellungen, politische Diskussionen und Konzerte. Die flexible Raumgestaltung ohne fest eingebaute Bänke ermöglicht es uns, den Raum an verschiedene Bedürfnisse anzupassen. Dank der beweglichen Einrichtung können wir den Raum schnell für unterschiedliche Veranstaltungen umgestalten und eine einzigartige Atmosphäre schaffen.

Die Genezarethkirche zeigt bespielhaft, wie vielfältig Events in einer Kirche aussehen können. Dass Projekte wie diese, aber kein Einzelfall sind, bestätigen auch der Französische Dom, die St. Elisabeth Kirche, das Umweltforum sowie die Heilig-Kreuz-Kirche und die Passionskirche. Die Möglichkeiten in Berlin, MICE-Events in außergewöhnlichen Eventlocations wie Kirchen zu planen, sind abwechslungsreich und bunt. Genau wie Berlin.